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Sektorkopplung: Denken im Gesamtsystem

Am Werkleiterseminar der Schweizer Gaswirtschaft, das Ende November in Brunnen SZ durchgeführt wurde, erhielten die Teilnehmenden einen umfassenden Überblick über die aktuellen Themen der Branche. Für den VSG-Präsidenten Martin Schmid steht vor alle die Frage im Zentrum, wie die Versorgungssicherheit, insbesondere im Winter, langfristig gewährleistet werden kann. „Gas war in der Politik lange Zeit unter dem Radar“, stellte er fest. Dies müsse sich ändern, so der VSG-Präsident, denn Gas könne einen wichtigen Beitrag leisten für eine nachhaltige Energieversorgung. Es brauche ein „Denken im Gesamtsystem“, und er zeigt sich erfreut, dass das Thema Netzkonvergenz respektive Sektorkopplung – das Zusammenspiel bisher eigenständiger Bereiche wie Wärme, Strom und Mobilität – inzwischen breit abgestützt ist und diskutiert wird. Ein Schlüsseldossier 2018 sei die Totalrevision des CO2-Gesetzes. In diesem Zusammenhang wies Martin Schmid darauf hin, dass in den vergangenen Jahren im Brennstoffbereich markante Treibhausgasreduktionen erzielt wurden. Grosser Handlungsbedarf bestehe hingegen im Verkehr. „Die Diskussion um das CO2-Gesetz ist der richtige Zeitpunkt, das Thema Sektorkopplung anzugehen“, betonte der VSG-Präsident.

Pascal Previdoli, stellvertretender Direktor im Bundesamt für Energie, bekräftigte, dass Gas eine wichtige Rolle beim Umbau des Energiesystems spiele. „Je mehr erneuerbare Gase beigemischt werden, umso besser.“ Auch Pascal Previdoli betonte die Bedeutung der Sektorkopplung und wies darauf hin, dass es in der Schweiz bereits mehrere Forschungs-, Pilot- und Demonstrationsprojekte gebe. Laut Previdoli unterstützt der Bund geeignete Projekte und setzt sich für die notwendigen Rahmenbedingungen ein.

Markus Jungmann vom Beratungsunternehmen Exxeta aus Leipzig, erläuterte, wie sich durch die Sektorkopplung neue Geschäftsfelder ergeben. Diese Entwicklung werde nicht aufzuhalten sein, zumal die Technik heute zur Verfügung stehe. Letztlich entscheide der Kunde, was am Markt erfolgreich sei. „Auf jeden Fall wird die Kooperation zwischen den Branchen und einzelner Unternehmen immer wichtiger.“

Bei den Kunden sei das Thema Sektorkopplung bereits angekommen, insbesondere, was die daraus resultierenden Produkte betreffe, erläuterte Stephan Marty, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Energieversorgers energie wasser luzern, an einer Podiumsdiskussion. Hindernd seien jedoch die regulatorischen Vorschriften, und es brauche stabile Rahmenbedingungen.

Umstrittene MuKEn

Auch die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014) standen im Werkleiterseminar auf der Traktandenliste. Sehr kritisch äusserte sich Markus Spielmann vom Hauseigentümerverband des Kantons Solothurn und zeigte auf, wo die Konstruktionsfehler sind. Gemäss Spielmann beinhalten die MuKEn 2014 zu viele Vorschriften statt Zielvorgaben mit freier Wahl der Massnahmen. Zu viele Details würden auf Gesetzesstufe geregelt, was das Ganze schwerfällig mache. Im Weiteren breche man mit der geplanten Sanierungspflicht ein Tabu. Dies sei eine schleichende Enteignung der Hauseigentümer.

Einen Ausblick in die Zukunft, nämlich wie die MuKEn 2025 ausgestaltet werden sollten, machte die Rechtsanwältin Simone Walther, die im Auftrag der Branche ein Alternativkonzept entwickelte. Leitgedanke ist dabei unter anderem, nur das zu harmonisieren, was möglich und sinnvoll ist sowie die Technologieneutralität zu wahren. So soll die Systemgrenze über das einzelne Gebäude hinaus geöffnet werden, und es soll der Wettbewerbsföderalismus durch kantonale respektive kommunale Energiekonzepte gefördert werden. Dieses Konzept ist in der Branche noch vertieft zu diskutieren.

30 Prozent erneuerbare Gase im Wärmmarkt

Die Schweizer Gaswirtschaft hat sich das Ziel gesetzt, den Anteil erneuerbarer Gase im Wärmemarkt bis 2030 auf 30 Prozent zu erhöhen. Dies bedeutet eine Steigerung um den Faktor 10; bei konstantem Absatz entspricht dies einer Energiemenge von rund 4400 GWh pro Jahr. Wie diese Zielsetzung umgesetzt werden soll, erläuterte Hans-Christian Angele, Leiter Politik beim VSG. Eine in der Branche breit abgestützte Arbeitsgruppe arbeitet an einer entsprechenden Strategie. Dabei gibt es drei Stossrichtungen: einheimische Potenziale nutzen, insbesondere in der Landwirtschaft, Power-to-Gas ausbauen sowie Biogasimporte.

Wie Hans-Christian Angele ausführte, besteht in der Schweiz ein grosses, noch ungenutztes Biomassepotenzial. In der Landwirtschaft müssten mit den wichtigen Akteuren Allianzen geschlossen werden. Es gehe darum, neue Businessmodelle zu entwickeln und regionale Projekte zu initiieren. Im Weiteren könnten Abwasserreinigungsanlagen genutzt und was Power-to-Gas betrifft, müsse die Zusammenarbeit mit Stromversorgern gesucht werden. Für Biogasimporte wird nach den Ausführungen von Angele ein internationales Register entwickelt. Dabei handelt es sich um ein unabhängiges Dokumentationssystem für Biogas, das durch das europäische Netz verteilt wird.

Wie die Gaswirtschaft in Ostdeutschland das Thema erneuerbare Gase angeht, zeigte Albrecht Wagner vom Wiener Beratungsunternehmen Wecom auf. „Eine erneuerbare Gaswirtschaft ist technisch möglich und volkswirtschaftlich sinnvoll“, so das Fazit von Wagner. Es gehe nun darum, die Tätigkeiten der regionalen Gaswirtschaft auf ein gemeinsames Ziel auszurichten und die Planungsgrundlage für die regionalen Unternehmen abzustimmen.